Visit



„Visit“ - Besuch in Ungarn, genauer in Südtransdanubien, oder noch genauer in Alsószentmárton und Gilfánfa. Viele wechselnde Bilder strömen auf den Betrachter ein - Bilder, die das Erlebte der Videokünstlerin während ihres Aufenthaltes in Ungarn widerspiegeln. Maria Kowalski, die sich schon in der Videoarbeit „Z“ (2005) mit der Bevölkerungsgruppe der Sinti und Roma beschäftigt, begibt sich auf eine Reise nach Südtransdanubien, um die Ursprünge ihrer eigenen Familiengeschichte zu ergründen.

Aufnahmen von Interviews, Gespräche mit Einheimischen, Schulbesuche oder einfach Spaziergänge liefern das Material für die emotional aufgeladene Dokumentation, die eine Synthese von Informationen und subjektivem Erleben bildet. Aufbau, Schnitt und Rhythmus der dreiteiligen Videoinstallation entstehen unmittelbar durch die Wahrnehmung während der Reise. Die Arbeit ist von vielen Momentaufnahmen geprägt, die rücksichtslos auf den Betrachter einwirken - das Erlebte auf der Reise und die damit verbundenen Emotionen werden direkt übertragen. Durch die Fülle von Informationen und Eindrücken ist die Arbeit voller Spannung und Ergriffenheit. Das Gesprochene wird verschriftlicht quer oder längs verlaufend wiedergegeben und stellt so eine Verbindung zwischen den einzelnen Sequenzen her.

Um die Reise nach Ungarn und die damit zusammenhängenden Forschungen überhaupt verwirklichen zu können, hatte Maria Kowalski Kontakt zu Tibor Derdak aufgenommen, der sich weltweit für sozial Benachteiligte einsetzt. Im ungarischen Pces war er beispielsweise Mitbegründer des Gandhi-Gymnasiums, an dem Roma bis zum Abitur die Schule besuchen können, wodurch eine akademische Laufbahn ermöglicht wird. Eine verbesserte Bildung soll Vorurteile und Missverständnisse zwischen Roma und Gadjos (Nicht-Roma) aus dem Weg räumen, ohne dass die eigene Identität aufgegeben werden muss. Eines der thematisierten Probleme sind die Sprachen der einzelnen Roma-Gruppen. Einen Großteil der in Ungarn lebenden Zigeuner sprechen ausschließlich ungarisch. Etwa ein fünftel spricht Romanes, und weniger als ein Zehntel sind Beasch, die einen archaisch-ungarischen Dialekt sprechen - die Zigeunersprache - wie sie diesen selbst bezeichnen. Daneben gibt es jedoch noch verschiedene andere Sprachen und Dialekte. Sprache hat in Kowalskis Videoprojektion stets eine besondere Bedeutung, sowohl inhaltlich als auch formal.


von Katja Vorbiller  / 2006